Kultur Travel Tuesday

Das Theater in London erleben

Kulisse im Theatre Royal Haymarket

Was für ein Theater in London! Im West End reiht sich ein Theaterstück nach dem nächsten Musical ein, auch Venus in Fur. Aber lohnt sich ein Besuch?

Venus in Fur im Theater
Mira vor dem Theatre Royal Haymarket

Auf jeden Fall lohnt sich ein Besuch im West End! Vor allem, weil die Auswahl so groß ist: Klassiker, Neuaufführungen, experimentelles Theater und namhafte SchauspielerInnen, die einem sonst nur auf der Leinwand begegnen. Hier kommt jeder auf seine Kosten. Leider buchstäblich, denn eine Karte kann auch mal das gesamte Budget für die Londonreise ausschöpfen.

Ich habe mich lange nicht an die Planung eines Theaterbesuches gewagt, da ich davon ausging, dass die Karten für so bekannte Theaterstücke und Musicals viel zu teuer oder längst ausverkauft sind. Aber mittlerweile plane ich auf meinen Londonreisen ein Abend im Theater ein und es geht leichter als gedacht.

Einen Geheimtipp, wie du an die besten Karten für’n Appel und’n Ei kommst, gibt es leider nicht. Du wirst nicht drumherum kommen, frühzeitig nach verfügbaren Karten zu schauen und eventuell deine Londonreise um den Abend im Theater herum zu planen. Aber es gibt zwei Alternativen, falls du unbedingt eine ganz bestimmte, aber leider ausgebuchte Theateraufführung sehen willst!

Ein Abend im Theater

Da gäbe es die Möglichkeit der Tageskasse. Dafür musst du Zeit investieren und früh am Theater sein. Dann kannst du aber auch seelenruhig mit der Karte in der Tasche den Tag in London verbringen und ihn abends mit dem Theaterbesuch abschließen. Aber erkundige dich vorher, ob das Theater deiner Wahl diese Möglichkeit anbietet. Oder du setzt alles auf eine Karte – haha – und stellst dich kurz vor der Aufführung an der Kasse an. Die reservierten Karten werden nicht immer abgeholt und wenn du Glück hast, bekommst du sie.

Letzteres ist mir einmal gelungen und so bin ich in eine Aufführung von „The 39 Steps“ am Picadilly Circus gekommen. Das Theaterstück wird dort immer noch aufgeführt und ich kann es dir wärmstens empfehlen, wenn dir der Sinn nach Humor und Wortspiel steht.

Flyer für das Theaterstück Coriolanus
Wenigstens live im Kino gesehen

Bei der Aufführung von Shakespeare’s Coriolanus im Donmar Warehouse mit Tom Hiddleston hatte ich nicht so viel Glück, die Karten waren im Internet innerhalb von Minuten vergeben und auch morgens an der Tageskasse war immer etwas los – bei der Reise hatte ich auch nur einen Tag Zeit.

Es gibt aber noch eine dritte, weniger glamouröse, dafür günstigere Möglichkeit. Viele Kinos in Deutschland übertragen live eine Aufführung von bekannteren Theaterstücken. Das ist dann fast so, als wäre man dabei.

Manche Theater bieten spezielle Kartenvergaben an, wie zum Beispiel das National Theatre mit dem Friday Rush, bei dem Karten für die nächste Woche ausgegeben werden, auch für ausverkaufte Aufführungen. Aktuell kannst du dort dein Glück beim Theaterstück Network mit Bryan Cranston (Malcom Mittendrin, Breaking Bad) versuchen.

Ausblick im Theatre Royal Haymarket
Manchmal hat man aber auch Pech

Theatre Royal Haymarket

Es kann aber passieren, dass du ein Theater findest, das noch genügend Karten für eine Aufführung mit einer bekannten Schauspielerin hat. Und günstig ist! Für £15 gibt es im Theatre Royal Haymarket schon einen Sitzplatz in der Gallery. (Manche Theater haben tatsächlich Stehplätze.) Dalma und ich haben uns Venus in Fur mit Natalie Dormer (The Tudors, Game of Thrones) angeschaut. Das Theaterstück läuft noch bis zum 9. Dezember!

Auch in der Gallery solltest du unbedingt so weit wie möglich vorne sitzen! Die Sitze sind irre hoch oben und die Bühne irre weit weg. Was nützen dir Karten für Natalie Dormer, wenn du noch nicht einmal ihre Gesichtszüge erkennen kannst? Oder jemand vor dir sitzt, dessen Kopf die gesamte erkennbare Bühne einnimmt. Zum Glück war das Theater nicht ausgebucht und wir setzten uns so hin, dass wir das gesamte Bühnenbild betrachten konnten. Und das hat sich auch gelohnt, es war für das Zwei-Personen-Stück zauberhaft gestaltet.

Venus in Fur

Zusammen mit David Oakes spielt Natalie Dormer 90 Minuten lang ein Theaterstück über ein Theaterstück über ein Buch. Das Buch Venus in Fur, geschrieben von Leopold von Sacher-Masoch, soll im Theater aufgeführt werden. Es wird also eine Schauspielerin gesucht, die die verführerische und dominante Frauenrolle übernehmen kann. Auftritt einer Schauspielerin, die zu spät zum Vorsprechen kommt und den Schreiber des Stückes alleine antrifft. Der Rest ist Geschichte und ein Katz-und-Maus-Spiel um Dominanz.

Im Roman und im fiktiven Theaterstück herrscht ein sexistisches Frauenbild vor, das leider auch in der realen Welt noch aktuell ist und von Vanda, Dormers Rolle, während des Nachspielens des Stückes angeprangert wird. Dieses Aufzeigen des sexistischen Denkens Novacheks, gespielt von Oakes, wird den ZuschauerInnen klar vor Augen geführt. Gerade in Zeiten, in denen so viele Berichte über sexuelle Übergriffe die Nachrichten füllen, sind subtile Botschaften für die ZuschauerInnen meiner Meinung aber auch fehl am Platz.

Subtil allerdings war anfänglich die Veränderung im Charakter von Vanda. Zuerst eine hektische, vorlaute Amateurin, verwandelt sich Vanda in eine professionelle, dominante Frau. Eine Femme fatale. Geschickt führt sie den zuerst dominanten Novachek nach und nach an der Nase (oder besser gesagt, an seinem besten Stück) herum. Beide Personen wandeln sich häufig und machen durch ihren Sprachklang klar, ob sie gerade „sich“ spielen oder ihre Rolle aus dem fiktiven Theaterstück. Das mitzuverfolgen war nicht immer einfach, hat aber Spaß gemacht.

Achtung, Spoiler nach dem Bild!

Theatre Royal Haymarket
Das Theatre Royal Haymarket ist das drittälteste Theater in London

 

Das Ende, wenn auch im Stück bereits prophezeit, hat mich dann doch überrascht. Der mystische Aspekt mit der Göttin Venus kam für mich völlig unerwartet und knüpft nicht nahtlos an das vorangegangene Stück mit den menschlichen „Psycho-Spielchen“ an.

Das Rad wird in dieser Theateraufführung ebenfalls nicht neu erfunden. Trotz der miteinander verworrenen Theaterstücke und des Rollentausches ist das Stück meiner Meinung nach nicht besonders clever oder vielschichtig geschrieben. Das Ende hat viel von der zuvor errungenen Dominanz der Frau weggenommen. Der augenscheinliche Kampf darum, die Frauenrolle nicht als Täterin im Stück darzustellen, geht schließlich völlig darin unter, dass Novachek eingestehen muss, dass er „niedrigere Gelüste“ hat und nicht der intellektuelle Schriftsteller ist, den er vorgibt zu sein. Und sobald die Venus sich zu erkennen gibt, bleibt vom Stück nur noch die durchgekaute Geschichte vom lüsternen Mann und der unnahbaren Göttin über.

Hast du schon Dalmas Review gelesen?
Ihre Meinung über Venus in Fur findest du hier!

1 Kommentar zu “Das Theater in London erleben

  1. Pingback: BirdOfPassage.de | Venus in Fur am Theatre Royal Haymarket

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